Großohrenbronn wurde erstmals 1414 in einer Urkunde erwähnt. Der Ort gehörte zum Vogtamt Dürrwangen und teilte daher die Geschicke dieser Herrschaft. Der kleine Ort stand also lange Zeit unter den Grafen von Öttingen und fiel 1796 mit Dürrwangen an Preußen. Kirchlich war Großohrenbronn bis 1884 in die Urpfarrei Halsbach eingegliedert. Bereits damals dürfte in dem kleinen Weiler eine dem Heiligen Wolfgang geweihte Feld- und Waldkapelle gestanden haben. In der alten Kapelle las der Pfarrer von Halsbach sieben Mal im Jahr die hl. Messe. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts lebte ein Einsiedler bei der Kirche. Eine Urkunde aus dem Jahr 1706 besagt, dass sich »neben der Capellen ad St. Wolfgangum« eine Klause befand, in der ein Eremit wohnte.
Dieser Anbau diente bis 1809 als Unterkunft für den Klausner. Er hielt den Gottesdienst in der Kapelle, er unterwies die Kinder im Katechismus und versah den Schuldienst in dem kleinen Ort. 1809 wurde die Eremitage in Orenbrunn aufgehoben und der damalige Klausner musste die Klause verlassen. Dadurch waren Schule und Kirche verwaist.
Die Einwohnerzahl des Ortes wuchs ständig. Deshalb bemühte sich die Bevölkerung von Großohrenbronn ab dem Jahre 1845 um die Einrichtung einer eigenen Pfarrstelle. Dem Ansinnen wurde stattgegeben und so bestimmte Bischof Peter von Augsburg, dass für Großohrenbronn und seine Umgebung eine eigene katholische Seelsorgestelle bestellt werde. Für die finanzielle Grundlage wurde im Herbst 1847 im ganzen Bistum Augsburg eine Hauskollekte durchgeführt, die einen Betrag von 9744 Gulden und 41 Kreuzern ergab. Mit diesen Mitteln wurde nun in Großohrenbronn eine katholische Seelsorgestelle in Form eines Pfarrcuratie- und Schulbenefiziums eingerichtet.
[Curatie = eigenständiger Seelsorgebezirk, der von einem Hilfpriester, dem Curaten, geleitet wird; Benefizium = kirchliche Pfründe, d.h. Einkommensquelle zum Unterhalt des Geistlichen]. König Maximilian II. von Bayern genehmigte am 6. Mai 1850 in Übereinkunft mit dem bischöflichen Ordinariat die Gründung der Seelsorgestelle. Die bauliche Herstellung der St. Wolfangangs-Kapelle als Pfarrkirche, die Bereitstellung einer Wohnung für den Curaten, die Anlage eines Gottesackers und der Bau eines Schulgebäudes zogen sich unter ungünstigen Umständen in die Länge und so konnte die Errichtung der Curatie erst am 12. August 1854 erfolgen. Am 16. Mai 1855 hielt dann der erste Geistliche von Großohrenbronn seinen Einzug.
Da sich für den Pfarrcuraten die Doppelbelastung von Schuldienst und Seelsorge als recht mühsam erwies wurde, wurde nach Abhilfe gesucht. Glücklicherweise konnte ab Februar 1858 dem Curatie-Vicar ein Schulgehilfe beigegeben werden, der von nun ab den Schuldienst versah. Nun konnte sich der jeweilige Pfarrer allein der Seelsorge der Gläubigen widmen. Im Jahr 1863 kam es endlich zur völligen Trennung von Seelsorgestelle und Schuldienst. Es wurde ein ständiger Schullehrer in Großohenbronn angestellt und die Pfarr-Curatie wurde zu einer reinen Seelsorgestelle.
Das Dorf entwickelte sich in den Folgejahren recht gut und die Bevölkerung nahm stetig zu. Das St.-Wolfgangs-Kirchlein wurde deshalb auch bald wieder zu klein und so wurde 1883 das Kirchengebäude um 3,5 Meter nach Westen verlängert Der bisherige Turmreiter wurde beseitigt und stattdessen an der Ostseite über den vorhandenen massiven Fundamenten der Sakristei ein Turm errichtet. Im Jahre 1893 wurde der Innenraum der Kirche restauriert und mit „gut gewählten Bildern, Statuen und Reliefen“ausgeschmückt. Ab dem Jahr 1910 bemühten sich die Pfarrvikare von Großohrenbronn, aus der Pfarrcuratie eine vollwertige Pfarrei zu machen.
Unter Pfarrer Michael Jung waren die Bemühungen von Erfolg gekrönt und am 7. Juni 1921 erfolgte mit Einverständnis des Bayerischen Kultusministeriums die Erhebung zur Pfarrei.
Auch die letzte Kirchenerweiterung erwies sich auf die Dauer nur als Notlösung. Deshalb wurden Pläne für eine weitere Vergrößerung der alten Kirche angestellt. Ab 1908 wurden die Vorschläge dazu konkreter. 1921 war geplant, erneut an die Kirche anzubauen und sie der Breite nach zu erweitern. Doch dann kam die Inflation und machte den vorhandenen Baufonds mit mehr als 10.000.– Mark zunichte. Längerfristig wären diese Maßnahmen wohl sowieso keine ausreichende Lösung gewesen und so drängte sich in den Folgejahren der Gedanke an einen Kirchenneubau immer mehr um auf.
Am 5. August 1928 wurde der Neubau von der Kirchenverwaltung beschlossen.
Im Frühjahr 1928 war Pfarrvikar Josef Wild nach Großohrenbronn gekommen. Er wurde zur treibenden Kraft für den Neubau und schob das Projekt mit Feuereifer an. In München wurde er im Landtag vorstellig, um den Kirchenbau zu beschleunigen. Inzwischen war eine Landeskollekte genehmigt worden und Vikar Wild fuhr nun im strengen Winterhalbjahr 1928/29 von Pfarrei zu Pfarrei, um diese Kollekte selbst durchzuführen. Er sammelte in den umliegenden Pfarreien fast 2000 Reichsmark. Ein führender deutscher Kirchenbauarchitekt, Hans Herkommer aus Stuttgart, konnte für das Projekt gewonnen werden. Ein Baugrundstück wurde erworben und der Architekt lieferte seine ersten Vorstellungen für die neue Kirche ab.
Die Kostenschätzung ging von Baukosten in Höhe von 91.546 Reichsmark aus, die über Spenden, Darlehen und einen beträchtlichen Anteil an Eigenleistung gestemmt werden sollten. Ein erster Bauantrag wurde am 27.11.1928 bei der Regierung von Mittelfranken eingereicht. Der erste Plan für einen Kirchenneubau in Großohrenbronn aus dem Jahr 1928 stellte eine auch für die damalige Zeit sehr moderne Kirche vor. Die Nord- und West-Front zeigten ein massives, wuchtiges Mauerwerk mit langen schmalen Fenstern. Bei einer Länge des Kirchenschiffes von über 38 Metern und einer geplanten Breite von mehr als 17 Metern wäre Platz für etwa 1000 Gläubige gewesen. Der Kirchturm sollte mit über 33 Metern Höhe doppelt so hoch gebaut werden, wie er sich heute darstellt.
Ein weiterer Bauantrag wurde am 6. Januar 1929 bei der Regierung von Mittelfranken eingereicht. Der Antrag wurde begleitet von einem Finanzierungsplan für den Rohbau, der folgendermaßen aussah:
Eigenleistung: 27.250 RM
Zuschuss Ordinariat 10.000 RM;
Spenden von Bürgern 4.368 RM;
Darlehen des Ordinariats zu 4% 25.000 RM
Summe: 66.618 RM
Landeskirchensammlung 25.000 RM
Gesamtsumme: 91.618 RM
vorhandene Baugelder 2000 RM
Gesamtsumme: 93.618 RM
Da traf die Pfarrei ein harter Schlag: Der junge Pfarrvikar starb am 4. Mai 1929 an einer heimtückischen Krankheit. Während der Dienstzeit von Pfarrer Eichhöfer, der bis 1931 in Großohrenbronn eingesetzt war, kam das Bauvorhaben fast zum Erliegen. Trotzdem wurde es weiterhin öffentlich diskutiert und nach Möglichkeiten für Einsparungen und nach Unterstützern für die Finanzierung gesucht. Die ersten Planungen wurden abgeändert und nachgebessert.
Mit Wirkung vom 16. Juni 1931 wurde der 1. Stadtvikar von Nördlingen H.H. Martin Stegmüller zum Pfarrvikar von Groß-Ohrenbronn ernannt und er nahm am 1. Juli 1931 seine Tätigkeit in der Gemeinde auf. Ihn erwartete die schwierige Aufgabe, den Kirchenneubau zu Ende zu führen. Er brachte sofort frischen Wind in das Bauvorhaben. Die Pläne mussten erneut abgeändert werden, da die Entwürfe für die damalige Zeit wohl zu modern ausgefallen waren und nicht die Billigung des Bayerischen Innenministeriums fanden. Erst im September 1931 erreichte der Architekt bei einer persönlichen Vorsprache beim Innenministerium die mündliche Zusage zur Baugenehmigung für seinen vierten Entwurf, der dann verwirklicht wurde.
Am Kirchweihfest 1931, also am 17. Oktober, fasste die Kirchenverwaltung den entscheidenden Beschluss zum Baubeginn. Der Haupteingang wurde an die Westfront verlagert, der Nebeneingang in den Turm. Auch der Aufgang zur Empore fand nun seinen endgültigen Platz im Turm. Der mächtige Turm war von Herkommer auch als ein Bindeglied zu einem später noch zu errichtenden Pfarrhaus gedacht. Im Innenraum bilden eingezogene Pfeiler mit rundbogigen Durchbrüchen einen Prozessionsgang, der den Raum gliedert, aber doch den Charakter eines einheitlichen Raumes bewahrt.
Die Sicht zum Altar wird nicht einschränkt. Der langsamere Rhythmus der Bogengänge, die im Gegensatz zu den Längsbalken der Decke stehen, vermittelt ein Gefühl der Tiefe. Die auffälligste Veränderung ergibt sich durch die großen Rundfenster. Von den langen schmalen Fenstern der ersten Vorschläge blieb nur noch ein breiteres langes Schmuckfenster im Chorraum in der Nordwestecke der Kirche übrig. An den restlichen Proportionen wurde kaum etwas geändert. Noch im Oktober konnte mit den Bauarbeiten begonnen werden. Mit Pferdefuhrwerken und Lastkraftwagen wurde das erforderliche Baumaterial herangeschafft.
Die Bauhandwerker aus Großohrenbronn und der Erlmühle waren froh, in einer Zeit großer Arbeitslosigkeit eine Beschäftigung gefunden zu haben. Auch der Baubeginn im Herbst war ein günstiger Zeitpunkt, da viele der einheimischen Bauarbeiter, die noch in einem gesicherten Arbeitsverhältnis standen, ab dem Spätherbst wegen »Schlechtwetter« zuhause waren. Sie hatten nun Zeit, beim Bau der neuen Kirche mitzuhelfen. Um mehr Leuten Arbeit zu geben, wurde beschlossen, alle 14 Tage mit der Belegschaft zu wechseln. Damit konnten wirklich alle, die auf Arbeit angewiesen waren, beim Bau mitarbeiten.
Jeder Arbeiter stellte dabei den Lohn von zwei Tagen in der Woche dem Kirchenbaufonds zur Verfügung. Was aber noch fehlte, das war die offizielle Baugenehmigung. Der Behördenweg über Feuchtwangen, Ansbach nach München und zurück war lang. Es war schon so weit, dass der Bau eingestellt werden sollte. Das war natürlich gar nicht im Sinne der Bauhandwerker, denn sie wären dann wieder arbeitslos geworden. Und so machte sich in der Folge eine gereizte Stimmung breit. Letztendlich konnte aber weiter gebaut werden. Die offizielle Baugenehmigung für den Rohbau traf erst im Januar 1932 ein. Da hatten die Zimmerleute bereits den Dachstuhl fertig gestellt.
Am 16. Oktober 1932, wieder zum Kirchweihfest, war der Bau soweit fertig gestellt, dass Dekan Dr. Stieffenhofer aus Dinkelsbühl dem neuen Gotteshaus eine erste Weihe erteilen konnte. Am 25.6.1933 erfolgte die feierliche Weihe der Kirche durch Bischof Dr. Josef Kumpfmüller aus Augsburg. Der Erzengel St. Raphael ist der Schutzpatron der Pfarrkirche in Großohrenbronn. Bildlich ist er auf der linken Seite des großen Altarbildes mit Tobias und einen Fisch dargestellt.
Übersetzt bedeutet der hebräische Name: „Gott heilt“. Raphael erscheint in der Heiligen Schrift im Buch Tobit des Alten Testamentes als Bote Gottes in menschlicher Gestalt. Er begleitet den jungen Tobias auf einer langen Reise und schützt ihn vor Gefahren. Seinen Vater Tobit heilt er mit der Galle eines Fisches von seiner Blindheit. Raphael als Wegbegleiter und Heiler machen ihn unter anderem zum Schutzpatron der Reisenden und Pilger aber auch der Apotheker und der Kranken.
Noch während der Bauzeit der neuen Kirche waren die meisten der männlichen Einwohner von Großohrenbronn im Baugewerbe tätig. Sie arbeiteten häufig „auf Montage“ auf weit entfernten Baustellen. Um Schutz auf den Wegen zu Ihren Arbeitsstellen zu erhalten, stellten sie ihre Pfarrkirche unter das Patronat von St. Raphael.
Durch den Neubau der St. Raphael-Kirche hatte die kleine Landpfarrei nun zwei Kirchen zu betreuen.
Während des Zweiten Weltkrieges stand die alte St.- Wolfgangs-Kirche leer. Sie wurde von der Wehrmacht als Lager genutzt. Beim Herannahen der Front wurde dieses Lager erst vom deutschen Militär und dann von der Bevölkerung geplündert. Dabei wurde das Gebäude erheblich beschädigt. Die nachfolgenden Besatzungstruppen (Belgier) richteten in der zweckentfremdeten Kirche ihre Küche ein. Sie hinterließen das Gebäude bei ihrem Abzug in einem erbarmungswürdigen Zustand. Zu dieser Zeit waren keine Baumaterialien zu bekommen und nach der Währungsreform 1948 fehlten die Mittel, um das alte Kirchengebäude im Interesse des Ortsbildes zu sanieren.
Die St. Wolfgangs-Kirche konnte nicht mehr erhalten werden und so musste das ziemlich baufällige Gotteshaus 1952/53 abgebrochen werden.
Die neue Kirche stellte nun ein Bauwerk dar, das eine Antwort auf die geänderte Liturgievorstellungen des beginnenden 20. Jahrhunderts bot. Die repräsentative himmelstrebende Architektur steht nicht mehr an erster Stelle. Wichtiger wird immer mehr der funktionelle Charakter der Kirche.
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts kam es immer mehr zu einer Reduzierung des vorhandenen Formengutes. Neuromanische, neugotische, neubarocke oder neuklassizistische Formen wurden vereinfacht, die Bauornamentik spärlicher. Dadurch entstanden Bauformen mit würfelförmigen Volumen und glatten Außenwänden. Die Dächer wurden möglichst flach gehalten, die Fenster zeigten keine Laibungen mehr und ein weißer Verputz wurde bevorzugt. Auch Kirchen mit Pultdächern wurden gebaut. Denn dabei entstanden, je nach Blickrichtung, einfache großflächige Wände. Das Dach war nicht mehr erkennbar. Große schnörkellose Portale unterbrachen die glatten Flächen. Die Entwicklung wurde in den Begriffen „moderne Baukunst“ oder „neues Bauen“ zusammengefasst.
Hans Herkommer war einer der ersten Architekten der diese Stilelemente für den Kirchenbau übernahm. Er entwickelte in den 1920er Jahren eine zeittypische expressionistische Formensprache und zählte in den 1920er und 1930er Jahren zu den führenden Architekten des katholischen Kirchenbaus.
Nach seinen Plänen entstand eine Kirche, die genau den Übergang vom traditionellen Kirchenbau hin zur Moderne manifestiert. Sie wurde seitdem nicht umgebaut und nur ein in den 50iger Jahren errichteter Garagenanbau verbindet das später gebauten Pfarrhaus mit der Kirche. Auch wenn die Pfarrkirche von außen eher unscheinbar erscheint, so ist sie doch ein meisterhaftes Beispiel für das „Neue Bauen“ der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Die Kirche, die gebaut wurde, zeigt nun alle markanten Merkmale dieses, für die damalige Zeit, neuen modernen Baustiles
Zwei ineinander verschobene Kuben bildeten die äußere Form: das horizontal gerichtete Kirchenschiff und der massive vertikale Kirchturm. Die großen weißen Wandflächen des Kirchenschiffes werden bis auf ein langes Schmuckfenster von Rundfenstern ohne Laibung durchbrochen. Wie die Bullaugen eines Schiffes. Unterhalb der Dachtraufe bilden kleine gemauert schlitzförmige Öffnungen ein dezentes Schmuckband. Das flach gehaltene Walmdach auf Kirchenschiff und Turm stört den flächigen Charakter der Außenwände kaum. Die wuchtige schnörkellose Eingangstür in der Westwand setzt einen auffälligen Akzent. Die kleinen Fenster im Turm erscheinen unauffällig und unterbrechen die großen Flächen kaum. Nur die runden Schalllöcher bilden eine Ergänzung zu den Fenstern im Kirchenschiff. Ein weithin sichtbares massives Turmkreuz krönt die Kirche.
Nicht nur die Außengestaltung der Kirchen veränderte sich, auch die Raumgestaltung im Kircheninneren erfuhr eine Veränderung. Besonders zwei Faktoren waren dafür maßgeblich: die geänderten Liturgievorstellungen des beginnenden 20. Jahrhunderts und der Einsatz neuer Baumaterialien wie Beton und Stahl.
Die liturgische Bewegung zielte auf eine Erneuerung und Verstärkung des Gemeinde- und Gemeinschaftsgefühls hin. Nicht mehr der mystische Charakter der heiligen Handlung am Altar, abgerückt in einem fast abgeschlossen Chor, steht im Vordergrund. Der Mahlcharakter des Gottesdienstes rückt weiter in den Vordergrund. Die Eucharistie sollte inmitten der Gemeinde erfolgen. Das erfordert eine stärkere Einbindung des Altarraumes hin zur Gottesdienstgemeinde und die Ausbildung eines einheitlichen Gebetsraumes. Folgende Gestaltungsmerkmale dienen diesem Zweck: Der Chorbereich wird verkürzt und verbreitert, das Langhaus sollte keine störenden Säulen aufweisen, der Altar solle ohne jeglichen Aufbau gestaltet werden und das Christusbild habe gegenüber den Heiligendarstellungen den Vorrang.
Vor allem dem Wunsch nach pfeiler- und stützlosen Räumen, die ungehinderte Sicht auf dem Altar gewährleisteten, kamen immer mehr Architekten nach. Die Seitenschiffe wurden zuerst zu Wandelgängen reduziert, bevor sie ganz entfielen. Auch die Decken wurden immer weniger tonnen- oder parabelförmig ausgebildet. Die großen Dächer über Kuppeln oder seitlichen Anbauten waren nicht mehr zeitgemäß. Die hohen Dachböden über dem Kirchenschiff wurden niedriger. Es entstanden Anlagen mit flachen Decken. Diese Entwicklung führte zum „Einraum“. Die äußere Hülle und der Innenraum wurden immer mehr kongruent.
Hans Herkommer setzte auch im Kircheninnern neue Akzente. Die damals aktuellen Liturgievorstellungen wurden architektonisch umgesetzt. Deshalb weist das Kirchenschiff viele Merkmale einer für die damalige Zeit fortschrittlichen Raumgestaltung auf.
Die Kirche bildet einen weiten Einraum. Die Längsbinderdecke zieht sich ohne Höhenversatz durch die ganze Länge des Kirchenraumes. Als typisches Gestaltungsmerkmal Herkommers ist der Mittelteil der Decke erhöht. Nur die Längs- und Querbinder bilden, farblich abgesetzt, einen Kontrast. Dies erweckt einen basilikalen Charakter und die Decke wirkt nicht eintönig. Der Chorraum ist auf die ganze Breite der Bankreihen geöffnet und, in Relation zur ganzen Länge der Kirche, nicht tief. Der Altar liegt nahe an der östlichen Rückwand. Durch die geringe Tiefe und die weite Öffnung des Chorraumes erscheint der Altar näher an die Gläubigen herangerückt. Weiter in den Kirchenraum wollte Herkommer den Altar nicht verlegen. Durch die Erhöhung durch Stufen und Podeste ist er jedoch hervorgehoben und für alle sichtbar. Der Altar hat nur den niedrigen Tabernakel als Aufbau. An diesen schließen sich einige Auflagen an, die die Kerzen tragen. Das Ganze ist recht schlicht gestaltet.
Eine Besonderheit zeigt die Kirche noch, die sehr selten in anderen Kirchenbauten erhalten ist: Im Übergang von Chorraum zum Kirchenschiff sind zwei Ambonen angelegt. Eine Variante, die zurückgeht auf das Mittelalter, als der Chorraum oft noch durch einen Lettner vom Rest der Kirche getrennt war. Der Zugang über Stufen wurde durch zwei seitliche Durchgänge gewährleistet. Dort waren dann die Lesepulte angebracht, von denen aus die Geistlichen, die aus dem verborgenen Chorraum nach außen traten, zum Volk hin predigten.
Wie der Altar so ist auch die Kanzel schlicht geformt. Sie ist gut im Kirchenraum postiert, um möglichst alle Gläubigen bei der Predigt akustisch ohne Lautsprecher zu erreichen. Sie wird heutzutage kaum mehr genutzt.
Die Innenraumgestaltung richtete sich nach dem schmalen Geldbeutel der Pfarrgemeinde und so blieb sehr wenig Geld zur künstlerischen Ausgestaltung des Gotteshauses übrig. Deshalb sind nur zwei bemerkenswerte Kunstwerke in der Kirche zu finden, die erst 1936 ausgeführt werden konnten. Zur Einweihung war die Chorwand noch kahl. Wenn man heute die Kirche betritt, fällt als erstes die Altarwand ins Auge. Der spätere Akademieprofessor Franz Nagel hat die ganze Wand mit einer großflächigen Freskomalerei verziert, die den Kirchenraum beherrscht. Der thronende Christus steht als Pantokrator [Allherrscher] in der Mitte. Er wird rechts flankiert von Johannes und links von Maria. Neben Johannes wird der heilige St. Wolfgang, der Schutzpatron der Vorgängerkirche, abgebildet. Neben Maria sieht man den Erzengel Raphael als Schutzpatron der neuen Kirche.
Das zweite Schmuckstück ist das St.-Raphael-Fenster. Ein großformatiges Glasmosaik zeigt den eilenden St. Raphael in hellen Farben. Dieses Bild wurde 1936 ebenfalls von Franz Nagel gestaltet.
Da Franz Nagel zu dieser Zeit als Künstler noch nicht so bekannt war, hielten sich die Kosten für die Ausschmückung der Kirche noch in einem erträglichen Rahmen. Für das große Fresko wurden nur 1700.– Mark veranschlagt. Der Künstlerlohn für das Fenster ist nicht bekannt.
Das raumhohe Kirchenfenster ist von außen gut zugänglich, es erscheint dort aber recht unscheinbar, da der dunkle Kirchenraum die bunten Mosaikteile nicht besonders zur Geltung bringt. Seine volle Schönheit zeigt sich dem Besucher erst, wenn er es vom Kircheninneren aus betrachtet und Sonnenschein die Gläser leuchten lässt. Um dieses Kunstwerk zu bewundern, muss der Kirchenbesucher aber bis zum Altarraum nach vorne kommen. Die Gestaltung des Chorraumes führt nämlich dazu, dass das Fenster etwas versteckt gegenüber der Sakristei zu finden ist.
Der Taufstein der Pfarrkirche St. Raphael dürfte noch aus der Vorgängerkirche St. Wolfgang übernommen worden sein. Wann er errichtet wurde, wer ihn entworfen und gefertigt hat, ob er gespendet oder von der Pfarrei bezahlt wurde – es liegen keine Erkenntnisse darüber vor. Vielleicht wurde er, wie eine ganze Anzahl an Bildern und Kreuzen, aus der Vorgängerkirche übernommen.
Beim Ausräumen der Kirche für die Innenrenovierung wurde ein Kreuz, das relativ unbeachtet über des Sakristeitür hing, entfernt und zum Einlagern in das Pfarrhaus gebracht. Bei genauerer Betrachtung zeigte sich auf der Rückseite des Holzkreuzes eine Widmung.
Da war die Überraschung groß. Denn Josef-Maria Wild, geboren 1899 in Mainz, am 12. Juli 1925 in Augsburg zum Priester geweiht, war ab 16. Juli 1928 Pfarrervikar in Großohrenbronn. Er hatte sich maßgeblich für den Bau der St. Raphaels Kirche eingesetzt hatte und die Grundlagen für das Bauvorhaben gelegt. Leider war ihm nur ein kurzes Leben gegönnt. Denn bereits am 4. Mai 1929 starb er nach kurzer Krankheit. Trotzdem wird sein Name für immer mit dem Bau unserer Pfarrkirche verbunden bleiben. Sein Grab finden sie auf unserem Friedhof.
Mag das Kreuz auch nicht von einem bekannten Künstler angefertigt worden sein, so ist es doch für unsere Pfarrei von hohem ideellen Wert und wird dementsprechend in Ehren gehalten.
Über die weitere Inneneinrichtung – Kanzel, Altaraufbau, Nebenaltäre, großformatige Bilder oder die Kniebänke – sind leider keine Dokumente mehr vorhanden.
Das Geläut, das die Gläubigen in Großohrenbronn zur Messe rief, wurde immer wieder von Schicksalsschlägen getroffen. Die ersten zwei Kirchenglocken, die in Großohrenbronn nachgewiesen wurden, wurden 1851 in Nördlingen gegossen und hingen in der alten Pfarrkirche St. Wolfgang.
Sie wurden eingeschmolzen und zur Herstellung zweier größerer Glocken verwendet, die dann im ersten Weltkrieg abgegeben werden mussten. Nur eine kleine Ersatzglocke durfte dafür angeschafft werden.
1921 und 1924 wurden wieder Bronzeglocken gekauft. Die drei Glocken wurden dann 1932 nach St. Raphael überführt. 1938 kam dann noch eine vierte Glocke dazu, die von einem Stifter bezahlt wurde.
1942 mussten die drei schwersten Glocken wieder abgegeben werden. Es verblieb eine Glocke mit 3,5 Ztr. und ein Notglöcklein.
Kurz nach der Währungsreform wurde 1948 eine 7 Ztr. schwere Glocke gebraucht gekauft und 1954 wurde das Geläut mit zwei 12 Ztr. und 26 Ztr. schweren Glocken vervollständigt.
Eine große Herausforderung für den Architekten war, mit einem sehr begrenzten Budget auszukommen. Deshalb konnten einige baulichen Maßnahmen nur sehr einfach ausgeführt werden. Später musste aber nachgebessert werden. So ist die Kirche auf gemauerten Streifenfundamenten gegründet. Eine betonierte Bodenplatte gibt es nicht. Die Bodenfliesen im Innenraum liegen nur auf einer Schicht gestampften Schotters auf. Deshalb senken sie sich gerade zu den Fundamenten hin jetzt an mehreren Stellen, da dort tiefer ausgeschachtet wurde. Das Dach wurde zunächst nur mit einer Art Dachpappe abgedeckt. Erst wenige Jahre später konnte eine stabile Kupferabdeckung aufgebracht werden.
Auch die Rundfenster dürften wegen geringerer Kosten eingeplant worden sein. Nur das Raphaelfenster im nördlichen Chorraum blieb in seiner langen Form erhalten. Die Ausgestaltung mit Buntglas erfolgte aber auch erst drei Jahre später. Als Besonderheit muss auch ein kleiner Balkon an der östlichen Turmseite angesehen werden, der auf frühen Aufnahmen der Kirche zu erkennen ist. Ob er eine spezielle Funktion hatte, ist nicht bekannt. Vielleicht diente er dazu, bei Feierlichkeiten Fahnen am Turm aufzuhängen, denn durch die kleinen Schießscharten ähnlichen Turmfenster war dies nicht möglich. Auf späteren Bildern ist der Balkon nicht mehr vorhanden. Die Kirche wurde durch die Bauleute eigenmächtig länger und breiter als im Plan vorgesehen gebaut. Diese Vergrößerung der Kirche bereitete im Nachhinein Probleme. Die Stabilität des Dachstuhls war nach Angaben der Statiker eingeschränkt. Vielleicht war das Bauholz bereits vorhanden und nach dem Eingabeplan abgelängt. Durch die größere Länge des Kirchenschiffes war die Firstpfette nicht stabil genug abgestützt. Für die geplante Breite der Kirche bereitgestellt, gerieten die massiven Querbinder für die nun breitere Kirche etwas zu kurz und hatten nun eine zu geringe Auflagefläche. Deshalb mussten 2020 die Auflager kurzfristig durch eine Notmaßnahme verstärkt werden.
Kaum war die neue Kirche errichtet, wurden ständig Renovierungsarbeiten an dem Bauwerk zu einer wiederkehrenden Aufgabe für die Pfarrgemeinde.
Bereits im Sommer 1951 wurde eine erste Außenrenovierung durchgeführt. Die stark angeschlagenen Wetterseiten erhielten einen guten Zementverputz.
1967 wurde unter Ortspfarrer Rudolf Erl die neue Kirche erneut außen renoviert. Dabei erhielten endlich die Dächer von Turm und Kirchenschiff, die bisher nur mit einer Art Dachpappe abgedeckt waren, einen haltbaren Kupferblechbelag. Allein die Materialkosten dazu beliefen sich auf über 30.000.- DM. Der Balkon, der damals noch an der Westseite des Turmes angebaut war, war sehr schadhaft. Auf der Balkonplatte lagen die Armierungseisen zum Teil frei und sie waren bereits stark angerostet. Da der Balkon nicht benötigt wurde, wurde er abgebrochen und in der vollen Wandstärke aufgemauert. Aus der Türöffnung wurde ein Schallloch.
Im Jahr 1983 wurden im Zuge kleinerer Putz- und Malerarbeiten im Außenbereich die großen Kirchenfenster erneut in Gänze erneuert. Zur besseren Dämmung wurde nun Isolierglas eingesetzt.
In den Jahren 1990 und 1991 war wieder eine größere Innenrenovierung nötig. In diesem Zusammenhang wurde ein Herzenswunsch der Pfarrgemeinde verwirklicht: der Altarraum wurde neugestaltet und Platz für einen Volksaltar geschaffen. Dazu wurden zwei Bankreihen entfernt und die Kommunionbänke in Richtung Seitenaltäre verschoben. Das vorgezogene Altarpodest wurde bewusst als Halbkreis konzipiert. Die Rundform, die vor allem in den großen Kirchenfenstern abgebildet ist, stellt einen wohltuenden Kontrast zu den strengen Rechteckformen der Stufen vor dem Hochaltar und den Seitenaltären dar. Der Altar selber ist in Holz ausgeführt. Er wurde von der Schreinerei Binder aus Dentlein hergestellt. Außerdem wurde das große Altarwand-Fresko vom Kirchenmaler und Restaurator Hermann Wiedl aus Nürnberg umfassend restauriert. Bereits früher durchgeführte Korrekturen an dem Fresko zeigten zum Großteil starke Verwitterungserscheinungen oder waren teilweise abgeblättert. Der gesamte Innenraum wurde damals freundlicher gestaltet und erhielt einen helleren Farbton.
Bereits 2014 wurden vor allem im Turmgebälk Schäden durch eindringendes Wasser sichtbar. 2017 ergab eine umfassende Überprüfung des Dachgebälks, dass eine grundlegende statische Ertüchtigung der gesamten Dachkonstruktion notwendig wurde.
Im Februar 2022 wurde mit den neuesten Renovierungsmaßnahmen begonnen.
Hauptzweck war die statische Ertüchtigung des Dachstuhles über dem Kirchenschiff. Wie bereits erwähnt, wurde das Kirchenschiff in der Bauphase eigenmächtig größer gebaut als nach Plan vorgesehen. Das führte zu einer verformungsanfälligen Binderkonstruktion, zu einer Überlastung der Pfetten und zu einer fehlenden Sicherung der Konstruktionsbalken gegen Verdrehen. Die Dachkonstruktion wurde verstärkt, geschädigte Balken wurden ausgetauscht und zusätzliche Stützen eingebaut.
Auch der Dachstuhl der Turmdaches war besonders durch eindringende Feuchtigkeit geschädigt. Hauptursache: die innenliegende Dachrinne wurde mit der Zeit undicht. Für die Rinne wurde um den gesamten Turmkranz eine neue Basis gebildet und eine neue innenliegende Dachrinne gefertigt. Die morschen Balkenteile wurden entfernt, neue Hölzer eingezogen und an einigen Stellen verstärkt.
Das Turmdach wurde neu mit Kupfer eingedeckt. Dazu wurde das Kupferblech extra grünlich patiniert, um es an den Farbcharakter des Daches des Kirchenschiffes anzupassen. Betonabsprengungen am Turmkranz wurden ergänzt. Das Turmkreuz, eine eingeblechte Holz/Stahlkonstruktion, wurde abgenommen. Die Metallteile wurden entrostet und gestrichen, die hölzernen Teile erneuert und das Kreuz mit grünlich patiniertem Kupferblech abgedeckt.
Besonders auffällig war, dass der Deckputz der Kirche vor allem im Bereich des Turmes und an der Westfassade deutlich erkennbar mit Rotalgen befallen. Hier wurde ein neuer Kalkputz notwendig. Kleiner Schadstellen im Kircheninneren und im Sockelbereich der Südseite wurden ebenfalls ausgebessert.
Neben den großen Schäden wurden auch gleich kleinere Defekte mit bearbeitet. So erhielten die Schalllöcher neue Sohlbänke aus Kupfer, die Holzteile wurden überarbeitet und neu gestrichen. Die kleinen Turmfenster wurden neu gestrichen und, soweit notwendig, neu verglast.
Die Glockenmotoren wurden zur besseren Wartung tiefer gesetzt und der Blitzableiter am Turm wurde ertüchtigt.
Bis zum 31.09 2023 waren alle Arbeiten abgeschlossen und die Pfarrei feierte ein großes Fest. Während eines Festgottesdienstes segnete Weihbischof Florian Wörner die neu renovierte Kirche.
1. Marina Lahmann:
Dissertation: Das Werk des Architekten Hans Herkommer und sein Bezug zu den Strömungen der deutschen Architektur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Johannes-Guttenberg-Universität Mainz, 1990
2. Wasmuths Monatshefte für Baukunst 13
1929 S. 177-186
Werner Hegemann: Hans Herkommers neue Kirchen
3. Hans Herkommer
F.E. Hübsch, Berlin/Leibzig 1929
Hans Herkommer, Berlin 1929 (Neue Werkkunst)
4. Hans Herkommer
„Neuzeitliche katholische Kirchen“
In Bauwelt, 20.Jg. 1929
5. Hans Herkommer
„Kirchliche Kunst der Gegenwart“
Stuttgart 1930
S. 6-31 Katholische Kirchenbauten
6. Saar-Geschichten
Magazin zur regionalen Kultur und Geschichte (ISSN 1866-573X)
Heft 1, 2914, S. 12-17 Elke Sohn
7. Anke Fissabre
„Konstruktion und Raumform in Kirchenbau der Moderne“
INSITU, Zeitschrift für Architekturgeschichte 7
(1/2015), S. 117-124
8. Matthias Schirren (Hrsg.)
Moderne Architektur exemplarisch. H.H
Architekturgalerie Kaiserslautern
Kaiserslautern 2010
(ISBN 978-3-935627-09-2)
9. Marlen Dittmann
Saarland Hefte 3, Saarbrücken 2004
Hrsg. Institut für Landeskunde im Saarland
S. 40-45, 84-98, Die Baukultur im Saarland
10. Gottlieb Merkle
„Kirchenbau im Wandel. Die Grundlagen des Kirchenbaus im 20.Jhdt. und seine Entwicklung in der Diözese Rottenburg“ | Herausgegeben im Auftrag des Bischöflichen Ordinariats Rottenburg, Stuttgart 1973
11. Hans Moser
Dentlein am Forst – aus alten Chroniken und Erzählungen
Band 1 und 2, Beiträge zur Heimatgeschichte
Herausgegeben von Hans Moser
(ISBN 978-3-00-073085-6)
12. Erwin Heilek
90 Jahre Pfarrkirche St. Raphael Großohrenbronn 1933-2023
Festschrift zum Abschluss der Renovierungsarbeiten
Herausgeber: Katholische Kirchenstiftung St. Raphael Großohrenbronn
Untere Torstraße 39, 91555 Feuchtwangen
13. BayernHistory – die Geschichts-App